Ein Leben mit der Kreuzotter

Während meiner aktiven Zeit mit den Kreuzottern wurde ich wegen meiner guten Erfolge bei der Haltung und Zucht dieser Schlangen von vielen gedrängt, ein Buch darüber zu schreiben. Dieser Aufgabe wollte und konnte ich mich nicht stellen. Um ein wirklich umfassendes Buch zu schreiben, hätte ich alle Lebensräume der Kreuzotter in Europa mehrmals im Jahr aufsuchen müssen. Aufgrund der verschiedenen Standortformen und Lebensgewohnheiten wollte ich es nicht darunter anfangen. Und diese Aufgabe konnte ich weder mit Familie noch mit Beruf vereinbaren, und ließ es lieber bleiben. Es gibt mittlerweile genug Literatur, die sich oberflächlich mit dieser Schlange beschäftigt. Dieser wollte ich nicht noch etwas ähnliches hinzufügen. Diese Schlange ist in ihrem Verhalten so vielseitig, dass hoffentlich noch irgendwann jemand ein umfassendes Werk darüber verfasst. Selber will ich hier nur meine Erfahrungen, die ich im Laufe von gut dreißig Jahren mit der Kreuzotter sammeln konnte, wiedergeben.

Die Kreuzotter im Jahresverlauf:

Je nach Witterung verlassen die Kreuzotter Männchen im zeitigen Frühjahr als erste das Winterquartier. Das kann nach einem milden Winter oft schon im Februar geschehen. Etwa zwei Wochen später erscheinen dann die Weibchen und noch etwas später die Jungtiere. Die Männchen setzen sich vermehrt der Sonnenstrahlung aus, um die Spermatogenese anzuregen. Nach zwei bis drei Wochen Häuten sich die Männchen und unmittelbar danach beginnen die Paarungsaktivitäten. Nach meinen Beobachtungen paaren sich die Männchen bevorzugt immer mit dem gleichen Weibchen. Da diese Beobachtungen sich auf nur wenige Paare beschränken, müssen sie keine allgemeine Gültigkeit haben. Allerdings habe ich es im Terrarium genau so wie im Freiland sicher beobachten können. Sind mehrere Männchen am Paarungsplatz vorhanden, kommt es meist zu Kommentkämpfen, bei denen sich die Kontrahenten gegenseitig zu Boden drücken. Bisse waren bei diesen Kämpfen niemals zu beobachten, es ist ein reines Kräftemessen. Bei den über Jahre konstanten Paaren war der Partner des Weibchens immer der Sieger bei dem Ringen. Leider gibt es immer weniger Gelegenheit, die Paarungen in freier Natur zu beobachten. So sind weitere Beobachtungen dieser Besonderheiten kaum mehr möglich. Jedoch wurden mir von anderen Freunden der Kreuzotter ähnliche Beobachtungen bestätigt.

Nach den Paarungsaktivitäten verlassen die Kreuzottern die Paarungsplätze und suchen den Sommerlebensraum auf. Für die Männchen bedeutet das ein Leben alleine, die trächtigen Weibchen liegen oft zu zweit an geeigneten Stellen und sonnen sich mit fortschreitender Trächtigkeit immer länger. Nach im Schnitt drei Monaten setzen die Weibchen ihre sechs bis zwanzig Jungen ab. Die Dauer der Trächtigkeit richtet sich nach den klimatischen Gegebenheiten und kann von Jahr zu Jahr sehr unterschiedlich sein. Die Zahl der Jungen richtet sich in erster Linie nach dem Gewicht und Alter des Muttertieres. Unmittelbar nach der Geburt zerreißen die kleinen Ottern die Eihülle und suchen das Weite. Bald nach der Geburt kommt es zur ersten Häutung der kleinen Ottern und danach beginnt die Nahrungssuche.

Anfangs fressen die Kleinen junge Waldeidechsen und Grasfrösche, nach über einem Jahr werden kleine Feld und Rötelmäuse erbeutet. Nach vier bis fünf Jahren werden die Kreuzottern Geschlechtsreif, die ersten zwei Jahre bringen die Weibchen aber nur vier bis acht Junge zur Welt. Im September werden von den meisten Kreuzottern die Überwinterungs Gebiete aufgesucht. Hier versuchen sie noch möglichst viel Herbstsonne zu genießen, um die Verdauung abzuschließen und sich für die lange Winterruhe vorzubereiten. Besonders wichtig ist diese Zeit in der Herbstsonne für die Entwicklung der Keimzellen. Hieraus wird ersichtlich, dass die Einhaltung der Jahreszeiten bei der Terrarienhaltung von entscheidender Bedeutung ist. Wir müssen dabei alle Einflüsse der Natur im Terrarium nachahmen, sonst wird sich kein Erfolg einstellen. Abgesehen vom Feinddruck, den brauchen wir im Terrarium wirklich nicht.

Je nach geografischer Lage überwintern die Kreuzottern in zwanzig Zentimetern bis zwei Metern Tiefe. Dabei werden Nagerbauten, Wurzelstöcke oder Hohlräume zwischen Steinen genutzt. Wichtig im Überwinterungsquartier ist eine leichte bis mittlere Feuchtigkeit. Für kurze Zeit vertragen die Kreuzottern dabei erstaunlich niedrige Temperaturen. Sehr oft habe ich meine Kreuzottern in feuchtem Sphagnum (Torfmoos) überwintert. In einem Winter war die Temperatur im Überwinterungsraum überraschend tief abgesunken. Als ich es bemerkte, steckte ein Kreuzottermann in einem gefrorenen Sphagnumklumpen, aus dem nur noch der Schwanz der Schlange herausragte. Nach dem Auftauen hatte sie keinerlei Schaden genommen und lebte noch jahrelang bei mir. Selbstverständlich sollten solche Unfälle nicht passieren, wenn es doch geschehen ist, muss sofort gehandelt werden.
Mit der Länge der Winterruhe habe ich mich in etwa an den klimatischen Verhältnisse orientiert. In Deutschland dürften die meisten Kreuzottern im März, bei ungünstiger Witterung auch im April, das Winterquartier verlassen. Wie Anfangs schon erwähnt, kommen zuerst die Männchen, nach zwei bis drei Wochen die Weibchen aus dem Winterschlaf.

Feinde und Gefährdung:

Wie bei fast allen unseren Wildtieren ist in der Zerstörung des Lebensraumes auch bei der Kreuzotter die maßgebliche Ursache für den massiven Rückgang zu sehen. Lichtungen im Wald werden aufgeforstet, Hecken fallen der Landwirtschaft zum Opfer und der Lebensraum wird durch Straßen und Wohngebiete eingeengt. Wie schon erwähnt, spielt die direkte Verfolgung durch den Menschen ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle bei ihrer Ausrottung. Durch alle diese Maßnahmen ist der Bestand in Bayern innerhalb von vierzig Jahren um achtzig Prozent gesunken. Dadurch sind früher gut besetzte Biotope mittlerweile gänzlich verweist. Leider ist in den letzten Jahren noch ein gewaltiges Problem für die Kreuzotter hinzugekommen. Durch verschiedene Ursachen haben sich die Wildschweine unwahrscheinlich vermehrt. Zum Einen durch Fehler bei der Bejagung (Abschuss der Leitbachen), aber auch durch den stark vermehrten Anbau von Mais und Raps zur Herstellung von Biosprit. In den großflächigen Feldern mit diesen Pflanzen finden die Wildschweine für einen großen Teil des Jahres im Überfluss Nahrung und Schutz vor Verfolgung. Durch die in vielen Gebieten zu große Entnahme von Grundwasser geraten Eichen und Buchen in Stress und setzen übermäßig Samen an. Durch dieses reichliche Futterangebot gehen die Wildschweine gut gemästet in den Winter, eine natürliche Auslese findet nicht mehr statt. Was hat das mit den Kreuzottern zu tun? Ausgerüstet mit einer sehr feinen Nase finden die Wildschweine alles, was sich am und im Boden verbirgt. Neben vielen anderen Tieren finden sie die Kreuzottern in ihren Verstecken und fressen sie auf. Noch gravierender ist es im Winter, wo sie die Schlangen in ihrem Überwitterungsquartier aufspüren fressen. Da Kreuzottern oftmals gemeinsam überwintern, werden entsprechend oft ganze Überwitterungsgesellschaften vernichtet. Im Bayrischen Wald habe ich des öfteren die ausgegrabenen Verstecke gefunden.

Doch nicht nur die Wildschweine sind eine große Gefahr für die letzten Kreuzottern bei uns, durch die Hauskatze werden alle Siedlungs- nahen Vorkommen von fast allen Reptilien gesäubert. Bei Untersuchungen in Bayern hat sich gezeigt, dass im Wirkungsbereich von Hauskatzen der Bestand an Schlangen um mindesten drei Viertel in kurzer Zeit zurückging. Leider werden auch immer noch etliche Kreuzotter zur Terrarienhaltung gefangen. Die meisten dieser illegalen Fänger fangen die Kreuzottern nicht für sich, sondern um sie zu verkaufen. Leider ist diesem Personenkreis nur schwer das Handwerk zu legen. Deshalb mein Appell an alle Liebhaber dieser Schlangen, kauft keine aus dubiosen Quellen. Lieber längere Zeit auf wirkliche Nachzuchttiere warten, als den Ausverkauf der Natur zu unterstützen. In Naturfilmen wird immer wieder der Kampf Igel gegen Kreuzotter gezeigt. Bei der unterschiedlichen Aktivitätszeit der beiden Kontrahenten kann ich mir häufige Kreuzotter Opfer durch Igel kaum vorstellen. Höchstens in den südlichen Vorkommen, wo die Kreuzotter auch in der Nacht aktiv ist.

In noch gut besetzten Biotopen kommen sicherlich noch etliche Verluste durch Störche und Graureiher hinzu. Ob Mäusebussard und Roter Milan einen bedeutenden Anteil an Kreuzottern fressen, kann ich nicht beurteilen. Es ist allerdings zu vermuten, da die Kreuzotter voll in ihr Beuteschema passt und bei Gewölle Untersuchungen auch oft als Nahrung nachgewiesen wurde. Der Iltis und neuerdings der Mink sind aktive Kreuzotter Jäger, allerdings ist der Iltis selber mittlerweile selten geworden. Auch das große Wiesel hat früher etliche Kreuzottern erbeutet, auch dieses wird jetzt immer seltener. Das Abtorfen von Mooren vernichtet viele Kreuzottern, im Kolbermoor bei Rosenheim sind meine Frau Elke und ich eine frisch abgetorfte Fläche abgegangen. Auf einer Strecke von nur fünfzig Metern fanden wir sechs von der Maschine getötete Kreuzottern. Werden diese Moorflächen nach einigen Jahren wieder vernässt, was der Naturschutz fordert, werden aufs neue die Kreuzottern aus dem neu besiedelten Lebensraum vertrieben. Diese armen Schlangen haben es bei uns wirklich nicht leicht.

Gefährdung durch die Kreuzotter

Nicht nur die Kreuzotter ist gefährdet, von ihr gehen auch einige Gefahren aus. Das trifft natürlich in erster Linie für Mäuse, Eidechsen und Braunfrösche zu. Diese natürlichen Beutetiere sind selbstverständlich durch die Kreuzotter bedroht. Aber wie sieht es mit seinem Hauptfeind, dem Menschen aus. Ist er wirklich so bedroht, wie es Fangprämien und der gute, alte Brehm glauben machen wollen. Hier in Deutschland kommen Bisse durch Kreuzottern höchst selten vor und normalerweise ist der Verlauf recht glimpflich. Nur in fünfzig Prozent der seltenen Bissunfälle treten überhaupt Symptome auf. Die Kreuzotter kann das für sie wertvolle Gift je nach Verwendungszweck dosieren. Da bei einem Menschen nur der Abwehrbiss in Frage kommt, ist die abgegebene Giftmenge meist recht niedrig. In Deutschland kam es von 1960 bis 1970 zu 211 gemeldeten Bissunfällen durch Kreuzottern, von denen keiner tödlich verlief. Von 1970 bis 2015 kam es zu 91 gemeldeten Bissunfällen durch Kreuzotter, von denen einer tödlich verlief. Bei diesem Todesfall ist jedoch nicht geklärt, ob er auf die Giftwirkung oder einen Kreislauf Zusammenbruch als Folge des Schrecks zurückzuführen ist. Die alte Frau war gerade aus der Klinik entlassen worden, als der Biss passierte. Aufgrund der Schwächung ihres Allgemeinzustandes geht man von einem Kreislaufzusammenbruch aus, ausgelöst von der Aufregung. Diese Zahlen sind keineswegs vollständig, viele leichte Bisse kommen überhaupt nicht in eine Statistik. Es wird auch nicht an allen Krankenhäusern eine entsprechende Statistik geführt.

Das Gift der Kreuzotter wirkt in erster Linie auf das Blut ( hämorrhagische Wirkung), jedoch in geringen Maße auch Gewebe zerstörend. Kommt es zu einem Bissunfall, ist jede größere Anstrengung zu vermeiden. Da meist eine geringe Menge Gift abgegeben wird, sind die Symptome genau zu beobachten. Eine geringe Schwellung wird auch ohne irgendeine Behandlung in einigen Stunden bis Tagen zurückgehen. Auf keinen Fall darf die Bissstelle durch abbinden oder gar aufschneiden manipuliert werden. Dadurch wird mehr Schaden verursacht, als durch das Gift selber. Kommt es zu größeren Schwellungen oder gar Kreislauf Beschwerden, ist unverzüglich ein Arzt aufzusuchen. Ob nach einem Kreuzotternbiss grundsätzlich ein Arzt aufgesucht werden sollte, ist fraglich. Meist wird nur eine geringe Menge oder überhaupt kein Gift injiziert. Gerade in Gegenden mit noch guten Kreuzotter Vorkommen sind die Menschen meist sehr gelassen nach einem Biss. Durch Erfahrung wissen sie, dass selten eine akute Gefahr von dem Biss ausgeht. Ältere Menschen und Kinder sind aufgrund der geringeren Abwehrkräfte und des schwächeren Kreislaufes stärker gefährdet. Hier ist der schnelle Besuch beim Arzt obligatorisch.

Vor zwanzig Jahren besuchten wir einige Stellen mit noch recht gutem Vorkommen an Kreuzottern. Gerade in der Paarungszeit konnten wir die Paare beim Sonnen beobachten. Dabei war die Fluchtdistanz oftmals sehr gering und wir kamen bis auf wenige Zentimeter an die Schlangen. Oftmals geht man an einer Kreuzotter vorbei und ist überzeugt, die hat mich gar nicht mitgekriegt. Nähert man sich wenige Minuten vorsichtig der Stelle, ist nichts mehr zu sehen. Die Kreuzottern verlassen sich auf ihre Tarnfärbung und lassen den vermeintlichen Feind in Ruhe vorbei laufen um dann klammheimlich zu verschwinden. Beim Beobachten kann man oftmals feststellen, dass Kreuzottern nicht nur Instinkt gesteuerte einfache Kreaturen sind. Sie sind durchaus in der Lage eine Situation durch Lernen differenziert zu sehen. Oftmals habe ich Kreuzottern versucht zu fotografieren und habe mich dabei öfter an ein bestimmtes Tier an geschlichen. Nachdem die entsprechende Kreuzotter anfangs immer flüchtete, hat sie nach mehreren Versuchen die Sache als harmlos eingeschätzt und ist liegen geblieben. Dieser Lernefeckt blieb über Wochen bestehen und ich konnte in Ruhe meine Bilder selbst aus nächster Nähe machen.

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