Tiere, mein Leben

Mein ganzes Leben war geprägt vom Umgang mit Tieren und deren Beobachtung. Auch wenn ich in meiner Kindheit Hunde und Katzen als Weggefährten hatte, waren es doch die Wildtiere, die mich in ihren Bann zogen. Damit war ich beileibe nicht der erste. Schon seit Millionen von Jahren haben die Menschen ein enges Verhältnis zu Tieren, dass sich Umstands bedingt jedoch grundlegend geändert hat.Unsere frühen Vorfahren hingen als Jäger und Sammler von der Verfügbarkeit von tierischem Fleisch ab. Ohne dieses hätte sich unser in der Natur einzigartiges Hirn nicht entwickeln können. Und das zum Unwillen der anderen Lebewesen, die dadurch keineswegs profitiert haben. Im Mittelalter hat sich die Jagd dann gewandelt und diente der Zerstreuung des Adels. Die Bauern und die Stadtbevölkerung wahren zu dieser Zeit schon lange auf Haustierrassen, welche sich immer weiter von ihren ehemals frei lebenden Vorfahren entfernten, angewiesen. Nur durch die Domestizierung und Zucht von Tieren ist unser heutiges Leben überhaupt möglich. In den Großstädten, in denen der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt, ist man von dieser Entwicklung weitestgehend abgegrenzt. Das Fleisch kommt aus dem Einkaufsmarkt und die Kühe sind rosa. Das ganze Naturbild wird vom Fernsehen geprägt, ein wirklicher Bezug zu Natur und Tieren ist nicht mehr vorhanden.

Mein ganzes Leben spielte sich zum Glück auf dem Land ab und der Umgang mit Haustieren wie Wildtieren ist mir selbstverständlich geblieben. Schon als kleines Kind machte ich Bekanntschaft mit Haustieren. Im Keller, in dem ein Stall abgeteilt war, lebten drei Ziegen. Das diese in einem kleinen Kellerraum ohne üppige Beleuchtung vor sich hin vegetierte, hat damals noch niemand gestört. In den armen Jahren nach dem zweiten Weltkrieg waren Ziegen, Hasen, Hühner und Tauben die einzige Fleischquelle für die Landbevölkerung ohne richtige Landwirtschaft. An den Straßenböschungen, die kein Bauer mähen wollte, wurde mühselig das bisschen Heu gewonnen. Damit wurden die Ziegen und Hasen gefüttert. Weiterhin wurden einige Hühner gehalten, um mit deren Eiern die Nahrung etwas aufzubessern. Auf dem Dachboden war ein Taubenschlag eingerichtet, auch hier ließ sich gelegentlich ein schmaler Braten gewinnen. In der heutigen Zeit kann sich kaum noch jemand das entbehrungsreiche und karge Leben dieser Jahre vorstellen. Dabei würden so manchem in unserer Überflussgesellschaft diese Erfahrungen guttun, so mancher hätte nicht so große Probleme mit seinem Umfang. Alle diese Tiere gehörten wie selbstverständlich zu meinem jungen Leben dazu. Einige Jahre später gesellten sich noch zwei Schweine zu den Ziegen. Die wurden als Ferkel bei einem Bauern gekauft und mit Abfällen groß gezogen.

Dadurch war dann der Bedarf an Fleisch und Wurst für die nächste Zeit gedeckt. Nicht nur für uns, die Mäuse hatte schnell einen Zugang zur Wurstkammer geschaffen. Das Schlachten dieser Haustiere, nicht der Mäuse, war für uns Kinder ein ganz normales Ereignis, welches zum Leben dazu gehörte. Außer diesen für die Nahrungsversorgung dienenden Tiere lebten bei uns immer ein bis zwei Katzen und ein Hund. Dieser Hund war das erste Tier, zudem ich eine merkliche Zuneigung entwickelt habe. Es was ein deutscher Schäferhund, der meinen Bruder und mich ins Herz geschlossen hatte. Hatten wir Stress mit Nachbarskindern, fanden wir in „Alex“ einen treuen Beschützer. Im Gegensatz zu der heutigen Zeit spielte sich das Leben von uns Kindern überwiegend draußen ab, das Fernsehen begann erst zaghaft in die Wohnzimmer einzuziehen. Vom Computer und seinen guten wie schlechten Auswirkungen ganz zu schweigen. Bedingt durch diese Verhältnisse waren wir Kinder und Jugendlichen etwas drahtiger wie gleichaltrige heute. Und draußen kamen wir auf dem Dorf zwangsläufig mit Tieren in Berührung. Beispielsweise mit dem Kaltblüter unseres Nachbarn. Der Kerl war durch schlechte Behandlung nicht gut auf Menschen zu sprechen, und seinen Unmut hat er dann an den Schwächsten ausgelassen. Oft ist er hinter uns Kindern her gejagt, bis wir auf einer Treppe oder hinter einer Haustür Schutz gefunden hatten. So etwas stelle man sich Heute einmal vor, es gäbe sofort Anzeigen oder Elterninitiativen. Das Leben war noch etwas natürlicher oder auch rustikaler. Auch Kinder mussten noch selber sehen, wie sie ihre Probleme in den Griff bekamen.

Am Rand unseres Dorfes flossen zwei Bäche, in denen wir ein reichhaltiges Leben beobachten konnten. Außer vielen Fischen lebten hier reichlich Flussperlmuscheln und Edelkrebse. Gerade auf die Edelkrebse hatte ich mich schnell spezialisiert und wusste sie so zu packen, dass sie mich nicht immer mit ihren Scheren erwischten. Der Fang dieser Tiere geschah nur zum Spaß, in der Küche landeten sie nie. Krebsgerichte wahren bei uns einfach nicht üblich und die Erwachsenen hatten kein Interesse an den Krebsen. Leider sind Flussperlmuscheln und Edelkrebse bei uns mittlerweile verschwunden. Die immens verstärkte Grundwasser Entnahme und später der Wachbär haben das Leben in unseren Gewässern drastisch reduziert und vieles zum Verschwinden gebracht. Die gefangenen Fische wurden im Laufe meiner Kindheit immer größer, waren es am Anfang noch Elrizen, Schmerlen und Gründlinge, so reizte mich später der Fang von Döbeln und Bachforellen. Stundenlang konnte ich barfuß durch das eiskalte Wasser waten, ohne das es mir ungemütlich wurde. Heutzutage traue ich mich da kaum mit der Hand rein. Allerdings ging es bei allem nur um die Befriedigung des Jagdfiebers, in der Küche landete keiner der gefangenen Fische,

Das Jahr 1959 war ein starkes Mäusejahr und mein Bruder Helmut und ich machten sich einen Spaß daraus, die Mäuse zu fangen und in der Hosentasche herumzutragen. Das hat den Mäusen sicherlich keinen Spaß gemacht, wir Kinder haben uns darüber keine Gedanken gemacht. Natürlich haben wir einige mit in die Schule genommen, was besonders bei den Mädchen für viel Vergnügen sorgte. War eine Maus in der Klasse unterwegs folgten zwangsläufig spitze schreie und die Mädchen standen auf den Bänken. So kamen sie zu zusätzlichen sportlichen Übungen. Da ich im Biologie Unterricht glänzte, haben die Lehrer diese Späße locker genommen. Zu dieser Zeit gab es noch eine Menge Frösche und Molche und wir haben in den reichlichen Tümpeln immer wieder Molche gefangen, um sie in irgend einem Gefäß zu halten. Gerade die Männchen des Teichmolches mit ihrem Rückenkamm erinnerten uns an Tiere der Urzeit. Der Laubfrosch war ebenfalls noch häufig, und so manch einer musste Monate als Wetterfrosch in einem Einmachglas aushalten. Der Artenschutz war zu dieser Zeit noch kein Thema, es ging aufwärts nach dem Krieg, nur das zählte. Daher war es auch noch allgemein üblich, jeden Tümpel mit Müll aufzufüllen. Artenschutz und Landschaftspflege sind leider ein Luxus besserer Zeiten. In Zeiten der Not wird daran kein Gedanke verschwendet. Die besseren Zeiten müssen dann schon einen Moment anhalten, bevor sich jemand dafür interessiert. Und selbst dann ist es einem sehr großen Teil der Bevölkerung egal. Je älter ich wurde, umso stärker wuchs mein Interesse an den Tieren allgemein.

Die damals noch häufigen Wiesel waren seit den ersten Beobachtungen meine Stars. Da hatte ich noch keine Ahnung, dass Jahrzehnte später ein Wiesel für zwölf Jahre mein Leben beeinflussen sollte (Susi oder eine Hand voll Glück). Es machte mir eine Menge Spaß, diese eleganten und blitzschnellen Raubtiere zu beobachten. Ein Freund von mir lebte auf einer Jagdhütte, und hier kam ich in Kontakt mit einigen Jägern. Deren Erzählungen haben mir gewaltig imponiert, immer in der Natur und engem Verhältnis zu den Wildtieren war mein Traum. Von da an zog es mich permanent in den Wald, um ebenfalls das Wild zu beobachten. Das erste Zusammentreffen mit Rothirschen hat meine Bewunderung für dieses Wild fürs ganze Leben entfacht. Die Grafen von Laubach hatten zur jagdlichen Bereicherung Muffelwild ausgesetzt, und das hatte sich sehr gut vermehrt. Oftmals konnte ich Rudel von dreißig und mehr Tieren beobachten. Aber im Verhältnis mit dem Rotwild fand ich die Mufflon etwas langweilig. Wahrscheinlich weil sie so leicht zu sehen waren, es kam keine Spannung bei der Suche auf. Außer mit einer Ausnahme. Wie so oft hatte ich mich an ein Rudel Mufflon angeschlichen. Dabei waren auch einige Mufflon Schafe mit ihren Lämmern. Und wie Männer so sind, fühlten sich die Widder bemüßigt, ihren Nachwuchs zu beschützen. Plötzlich sah ich mich einigen Widdern mit gesenktem Kopf gegenüber. Da habe ich dann doch etwas beschleunigt den Rückweg angetreten.

Der damalige Graf hatte ein sehr enges Verhältnis zu „seinen Hirschen“. Als Kind hatte er aus dem Fenster des Schlosses gesehen, wie geschossene Hirsche angeliefert wurden. Dieser Anblick war für Ihn emotional so tiefgreifend, dass er sich einen Vorsatz für seine Zeit als Graf gesetzt hatte. „Wenn ich Graf bin, wird es den Hirschen besser gehen“. Das hat er dann auch eingehalten und es entwickelte sich ein sehr starker Rotwildbestand. Angesichts der damit verbundenen Schäden an den Bäumen kam eines Tages einer seiner Förster zu ihm. Herr Graf, was ist wichtiger, die Hirsche oder der Wald. Daraufhin der Graf ganz ruhig, natürlich die Hirsche. Und das, obwohl das Grafenhaus von den Erlösen des Waldes lebte. Aus heutiger Sicht muss man sagen, der Wald ist trotz der Hirsche gewachsen. Nirgends im Wald sind Folgen des damaligen Rotwildbestands zu sehen. Bei dem Sohn des Grafen wurde die Rotwildjagd schon deutlich intensiviert, nach dessen plötzlichem Tod steigerte sie sich zur fast Ausrottung des Rotwildes. Das hat im Wald keine Folgen hinterlassen, ob mit oder ohne Rotwild ist der Wald gleich gut gediehen. Das Rotwild löst bei seinen Freunden wie bei seinen Gegnern starke Emotionen aus, die oft mit der Realität nicht viel gemein haben. So mancher Förster hatte während seiner Ausbildung einen Rotwildgegner als Lehrer. Das Gelernte wird dann oft für ein ganzes Berufsleben kritiklos weitergepflegt, ohne es je zu hinterfragen. Ebenso hat der Tierfilmer Horst Stern in seinem Film über das Rotwild ein Bild von diesem Wild vermittelt, dass mit der Realität wenig gemein hatte. Welche Motive Ihn dazu bewegten, ist mir schleierhaft. Leider setzt sich so eine Berichterstattung leicht als allgemein gültig durch. Auch später gab es immer wieder Naturfilme, in denen dieses Bild des Rotwildes kultiviert wurde. Durch den Verlust seines ursprünglichen Lebensraumes, den Flussauen, wurde der Hirsch in die Wälder gedrängt. Und hier findet er durch die ganzen menschlichen Störungen durch Freizeitverkehr und Jagd kaum noch Zeit zur ungestörten Nahrungsaufnahme. Wenn er dann in der Not Baumrinde abknabbert, wird er von den Förstern zur Strafe abgeknallt. Was sind wir doch so human in unserer aufgeklärten Zeit.

Die Fische in den Gewässern um unser Dorf haben mich ebenfalls sehr früh angezogen. An den flachen Stellen der Bäche konnte ich stundenlang durchs Wasser waten, um kleine Fische zu erwischen. Um meine nicht ganz ungefährliche Begeisterung für Fische etwas zu Kanalisieren, haben dann meine Eltern ein Aquarium angeschafft. Das hat mir natürlich sehr gut gefallen, meinen Jagdeifer auf die Fische in Bächen und Teichen konnte es jedoch nicht eindämmen. Hätte ich in meiner Kindheit meinen Eifer etwas stärker auf die Schule statt auf die Tiere gelenkt, wäre mein Notenspiegel um einiges besser gewesen. Irgendwie hat es aber doch immer gereicht, trotz meiner Tierischen Leidenschaft musste ich keine Klasse zweimal absolvieren. Meine Noten in Biologie haben den Durchschnitt immer ein ganzes Stück angehoben. Bei meinen abenteuerlichen Noten in Deutsch hätte bestimmt niemand vermutet, dass ich eines Tages Bücher schreiben würden. Noch während meiner Lehre als Bäcker habe ich mich intensiv auf die Jägerprüfung vorbereitet. Von der ganzen Jägerei hatte ich noch sehr idealisierte Vorstellungen und wollte unbedingt dazu gehören. Zu meinem Glück hatte ich viel Kontakt zu einer Menge Jägern und auch zum Grafen von Solms Laubach. So hätte einem glücklichen Start in ein Jägerleben eigentlich nichts im Wege gestanden. Zur jagdlichen Ausbildung wurde ich von einigen Jägern oft mit in den Wald genommen, und so kam es nach und nach zu einem unerwarteten Wandel. Auf der Jagd „durfte“ ich auch den Abschuss von Tieren miterleben. Und dabei kamen meine Begeisterung für die Jagd und meine Tierliebe in einen unüberbrückbaren Konflikt. Nicht jedes beschossene Wildtier fällt nach dem Treffer sofort mausetot um. Das beobachten des Todeskampfes des Tieres hat mich zutiefst erschüttert und führte Schritt für Schritt zu einem Umdenken bei mir. Das hat nichts mit einer negativen Einstellung zur Jagd zu tun, zur Jagd sehe ich keine Alternative. Einzig, ich kann es nicht tun. Höre ich heute noch einen Schuss im Wald, sind meine Gedanken sofort bei dem getroffenen Tier. Das macht mich keineswegs zum Veganer, töten und essen von Tieren sind ganz natürliche Vorgänge und überall in der Tierwelt verbreitet. Die Massentierhaltung ist da ein ganz anderes Kapitel. So mancher, der sich über die Jagd aufregt, kennt beim Einkaufen von Fleisch nur den Wahlspruch „Geiz ist geil“.

So ist mein großes Ziel, Jäger zu werden immer kleiner geworden, bis es ganz erloschen war. Wenn ich mir die Schwierigkeiten, welche die Jäger heute zutage mit den „Gutmenschen“ haben ansehe, bin ich froh über meine Entscheidung. Die Entfremdung mit der Natur, hat die Jagd bei den modernen Menschen zu etwas verrufenem gemacht.

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