Vipern:

...

Kurt Orth

Kurt Orth

Europäische Vipern im Terrarium

( Veröffentlicht in Herpetofauna 16(93)1994) Zusammenfassung Um das Überleben von verschiedenen Arten von Vipern zu garantieren ist es von entscheidender Bedeutung, deren zukünftige Existenz durch Erhaltungs­zuchten sicherzustellen. Die wichtigsten Gesichtspunkte, wie diese Tiere zu halten und zu vermehren sind, werden hier aufgezeigt. Abstrakt To guaratee the survival of different varieties of vipers it is of vital importanee to ensure their future existence by preservation breeding. The most important aspeets, how to keep and multiply these animals are made evident here.

Einleitung

Bedingt durch die fortschreitende Bedrohung fast aller wildlebender Tiere stellt sich immer wieder die Frage, ob die Haltung von Wildtieren in Menschenobhut noch zeitgemäß und zu verantworten ist. Aufgrund mehr oder weniger fundierter Vorwürfe von Seiten selbsternannter Naturschützer kommen auch die Halter von Terrar­entieren nicht umhin, sich kritisch mit ihrer Beschäftigung auseinanderzusetzen. Zum Glück sind in den letzten Jahren die Nachzuchterfolge bei den meisten Reptilien und Amphibien erfreulich gut, so dass eine Entnahme der Tiere aus der Wildbahn bei vielen Arten überflüssig geworden ist. Trotzdem ist es wichtig, eine Antwort auf die Frage zu haben, warum überhaupt Tiere im Terrarium gehalten werden. Die meisten angeblichen Naturschützer vergessen, dass ein wirkungsvoller Schutz der Tiere nur möglich ist, wenn wir über ihr Verhalten und ihre Lebensansprüche genau Bescheid wissen. Es reicht eben bei weitem nicht, einen Lebensraum zu erhalten und unter Schutz zu stellen, um das Überleben von Tierarten zu sichern. Die Wechselwirkungen in der Natur und der Arten untereinander sind so komplex, dass die genauen Kenntnisse darüber für den Schutz unabdingbar sind. Diese Kenntnisse sind bei den versteckt lebenden Reptilien zum größten Teil nur durch Beobachtungen in Zimmer- und Freilandterrarien zu gewinnen. Wirkungsvoller Tierschutz ist Tierliebe plus Sachverstand, eine Argumentation "aus dem Bauch heraus" hilft nicht weiter. Doch gerade bei den Europäischen Vipern kommt noch ein Aspekt hinzu, der besonders für die Terrarienhaltung spricht und der von vielen Naturschützern überhaupt nicht beachtet wird. Es ist in keinem Teil der Welt bisher überhaupt möglich, bei der Bevölkerung Verständnis für den Schutz und das Überleben von Giftschlangen zu wecken und das sinnlose Erschlagen der Tiere zu unterlassen. Die zumindest in Deutschland und dem größten Teil Europas völlig unbegründete Angst der Menschen ist Jahrhunderte alt und nicht zu überwinden. Doch gerade die Mischung aus direkter Verfolgung und dem im­mens steigenden Zivilisationsdruck bedeutet für einen gefährlich großen Teil der Vipernpopulationen die restlose Vernichtung. Im größten Teil Deutschlands zum Beispiel wird in wenigen Jahren Vipera berus berus restlos ausgerottet sein und in den meisten ehemaligen Lebensräumen ist diese schöne und eigentlich harmlose Otter schon verschwunden. Das gleiche gilt für Vipera ammodytes gregorwallneri in Österreich, Vipera ammodytes ammodytes in Istrien, Vipera aspis im Schwarzwald und ganz besonders Vipera ammodytes ruffoi bei Bozen (s. a. Brodmann 1987). Diese und viele andere Arten können nur erhalten werden, wenn sie bis zu einer wesentlichen Besserung ihrer Überlebensbedingungen in Menschenobhut weiter bestehen. Das eigenartige Argument von bestimmten Gruppen, das Aussterben von Arten würde die Allgemeinheit aufrütteln und hätte daher positive Aspekte für den Naturschutz, ist reine Dummheit. Das Aussterben von den meisten Tierarten würde von dem größten Teil der Menschheit überhaupt nicht bemerkt werden, geschweige denn zu einem Umdenken führen. Das Aussterben der Vipern würde sicher von großen Teilen der Bevölkerung eher begrüßt.

Haltung

Es ist nicht besonders schwierig die meisten Europäischen Vipern im Terrarium zu pflegen und über viele Generationen zu züchten (s. a. Schweiger 1992). Seit neunzehn Jahren halte und züchte ich die verschiedensten Vipern und es sind nur wenige Bedingungen, die zu einer erfolgreichen Zucht beachtet werden müssen. Bei der Einrichtung des Terrariums ist drauf zu achten, den Tieren genügend Verstecke und eine Stelle zur Aufnahme von Strahlungswärme zu bieten. Die Belüftung spielt eine wesentliche Rolle zum Wohlbefinden der Tiere, die Lüftungsflächen dürfen nicht zu klein sein. Wasser sollte in Form eines Gefäßes und durch tägliches besprühen von Behälter und Tieren zur Verfügung stehen.

Zucht

Für die Zucht von Europäischen Vipern ist die Winterruhe von besonderer Bedeutung. Nach der Winterruhe kommen zuerst die männlichen Tiere ins Terrarium und nach etwa zwei Wochen die Weibchen. Nach der Frühjahrshäutung der Männchen beginnen nun die Paarungsaktivitäten. Pflegt man mehrere Tiere in einem Terrarium, ist es vorteilhaft, die verpaarten Weibchen separat zu halten um die geborenen Jungtiere eindeutig zuordnen zu können. Bei paarweiser Haltung können die Tiere zusammen bleiben. Die Aufzucht der frischgeborenen Vipern bereitet in der Regel keine Probleme, bei Futterverweigerung über mehr als 4 Wochen biete man den Tieren Teile von kleinen Mäusen oder Eintagsküken an. Stopfen sollte erst das allerletzte Mittel sein, die Tiere am Leben zu halten und ist lediglich bei Vipera ammodytes ruffoi-jungtieren wirklich notwendig. Diese Jungvipern sind so stark auf junge Eidechsen geprägt, dass Mäuse fast immer ignoriert werden. Es sollte für jeden selbstverständlich sein, nur Tiere aus dem gleichen Verbreitungsgebiet und der gleichen Unterart zu verpaaren. Die räumliche Trennung hat bei den Vipern zu einer Vielzahl von Standortformen geführt, die in der Erhaltungszucht unbedingt rein erhalten werden sollten. Zum Beispiel kommen in manchen Teilen Deutschlands Schwärzlinge von Vipera berus bereits schwarz auf die Welt, in anderen Teilen färben sich die Tiere erst mit zwei bis drei Jahren schwarz (s. a. Schiemenz 1987, Orth 1992). Besonders eindrucksvoll zeigt Brodmann in seinem Buch "Die Giftschlangen Europas und die Gattung Vipera in Afrika und Asien" die unterschiedlichsten Standortformen. Freilandterrarien: Für eine Erhaltungszucht ist die Pflege in Freilandterrarien besonders zu empfehlen, da die Tiere hier am ehesten ihre natürlichen Verhaltens- und Lebensgewohnheiten beibehalten. Es hat sich bei mir herausgestellt, dass im Freien aufgestellte große Terrarien günstiger und sicherer sind, als umfriedete Flächen. Dabei ist besonders darauf zu achten, dass die Tiere bei Hitze und Kälte Ausweichmöglichkeiten haben und im Terrarium ein gut gegliederter Lebensraum zur Verfügung steht. Es versteht sich von selbst, dass unter keinen Umständen ein Entweichen der Tiere möglich ist. Die Reptilienhaltung hat schon genug negative Schlagzeilen und bestimmte Kreise greifen solche Geschehnisse begierig auf. Reptilien fressen im Jahresdurchschnitt im Freiland deutlich weniger wie im Zimmer (s. a. Schiemenz 1987). Artspezielle Haltungsbedingungen: Wenn auch die meisten Lebensbedingungen der Europäischen Vipern ähnlich sind, ergeben sich durch die Anpassung an verschiedene Lebensräume einige wichtige Unterschiede. Diese will ich kurz ansprechen.

Vipera ammodytes: Überwiegend trockenes Terrarium mit einzelnen Steinen und Versteckplätzen. Auf eine Bepflanzung sollte aus Sicherheitsgründen verzichtet werden. Diese Art ist besonders einfach zu pflegen und zu vermehren (s. a. Holzberger 1980). Im Gegensatz zur Kreuzotter kommen die Weibchen der Hornottern in der Regel nur jedes zweite Jahr in Paarungsstimmung. Zur Zeit (01.04.93) hat sich allerdings eine Weiblichen Vipera a. ammodytes gepaart, obwohl das Tier im Vorjahr neun Jungtiere geboren hat (später wurden auch Jungtiere geboren). Die Winterruhe muss trocken bei 4øC bis 8øC erfolgen (s. a. Trutnau 1981, Schweiger 1992). Die Dauer der Winterruhe kann 1 bis 5 Monate betragen. Vipera aspis: Die Terrarieneinrichtung ist die gleiche wie bei Vipera ammodytes, jedoch ist eine lockere Bepflanzung möglich, und wird von den Schlangen sehr geschätzt. Die Winterruhe sollte etwas feuchter wie bei ammodytes sein, aber nicht nass. Die Temperatur sollte ebenfalls zwischen 4øC und 8øC betragen. Die Aspisviper kann sich im Terrarium jedes Jahr fortpflanzen, die Aufzucht der Jungtiere bereitet keine Probleme. Vipera berus: Die Kreuzotter fühlt sich in einem natürlich bepflanzten Ter­rarium am wohlsten, muss aber an einigen Stellen die Möglichkeit haben, ausreichend Strahlungswärme aufzunehmen. Man kann als Faustregel für die erfolgreiche Haltung der Kreuzotter sagen, in einem Terrarium, in dem Pflanzen gedeihen und das ausreichend Strahlungswärme erhält, ist die Pflege kein Problem. Tägliches übersprühen des Behälters ist notwendig (s. a. Muschketat & Muschketat 1989). Das Substrat für die Überwinterung muss ausrei­chend feucht sein, darf aber nicht schimmeln. Die Temperatur kann zwischen 2øC und 8øC schwanken (s. a. Trutnau 1981). Unfälle in Deutschland: Aufgrund der leider weitverbreiteten Abneigung gegen Schlangen sind Bissunfälle in den Medien immer besonders publikumswirksam. Wird irgendwo jemand von einer Kreuzotter gebissen, ist sofort von einer Schlangenplage die Rede. Schon im Jahr 1932 machte Dr. Gerhard Benzmer in einer Umfrage zu Zeitungsmeldungen über schwere Bissunfälle die Entdeckung, dass die Bisse und betroffenen Personen überhaupt nicht existierten, oder die Sache völlig harmlos war. Von der Vielzahl der Todesfälle entpuppten sich alle als Zeitungsenten (Benzmer 1932). Auch bei sorgfältigem Umgang mit gepflegten Vipern ist ein Bissunfall nicht generell auszuschließen. Daher sollte jeder, der diese Tiere pflegt, über mögliche Folgen informiert sein. Bei den drei besprochenen Arten kommt es glücklicherweise nicht mehr zu Todesfällen, da selbst bei schweren Bissfällen eine Behandlung mit Schlangenserum erfolgreich ist. Bisse von Kreuzottern verlaufen in der Regel auch ohne irgendeine Behandlung harmlos. Als typischen Verlauf möchte ich zwei selbst erhaltene Kreuzotternbisse schildern. Am 10.10.1990 wurde ich bei der Fütterung von einer meiner Nachzuchtkreuzottern in die linke Daumenkuppe gebissen. Nach 20 Minuten registrierte ich eine Schwellung der linken Hand bis zum Handgelenk. Am 11.10. war auch das Handgelenk leicht geschwollen. Am 13.10. war keine Schwellung mehr vorhanden, lediglich eine leichte Druckempfindlichkeit war noch Feststellbar. Am 18.05.91 um 9 Uhr bekam ich beim Füttern des gleichen Tieres einen Bis in den rechten Mittelfinger am Nagelbett. Infolge des Bisses kam es zu leichtem Blutaustritt. Nach zehn Minuten beginnende Schwellung des Fingers. Um 14 Uhr waren keine Symptome mehr feststellbar. Ein Bekannter von mir wurde in Frankreich von einer Vipera aspis in die Hand gebissen. Es kam zu keiner Behandlung des Bisses. In den nächsten Tagen litt er unter Durchfall und Brechreiz, nach einer Woche waren die Folgen des Bisses abgeklungen.

Ich hoffe dem einen oder anderen ein paar nützliche Hinweise zur Pflege unserer Vipern gegeben zu haben und würde hoffen, dass es in den nächsten Jahren zu einigen Zuchtgemeinschaften unter den Terrarianern kommt. Nur so können diese schönen und interessanten Tiere erhalten bleiben. Schriften Benzmer, G. (1932):Giftige Tiere und tierische Giftes-Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde. Brodmann, P. (1987):Die Giftschlangen Europas und die Gattung Vipera in Afrika und Asien. - Bern(Kuemmerly & Frey),148 S. Holzberger. H. (1980):Ergänzende Angaben zur Haltung und Zucht von Vipera ammodytes ).Herpetofauna, Ludwigsburg, 2 (9): 32. Muschketat, L&R. (1989): Erfahrungen bei der Aufzucht einer Kreuzotter ( Vipera berus berus ).-herbetofauna, Ludwigsburg, 11 ( 63 ) 6 - 10. Orth, K. (1992): Haltung und Nachzucht der Kreuzotter Vipera b. berus.-Salamandra, Bonn, 28: 121-124. Trutnau, L. (1981): Schlangen Bt. 2, Giftschlangen. - Stutt­gart ( Ulmer ),200 S
Startseite